Freitag, 3. Februar 2017

[Was wir tragen, was wir sind] Stilprägung

Art und Stil geht im zweiten Teil der Stilphilosophie der frühen Prägung auf den Grund.

Vor zwei Wochen habe ich hier das erste Mal über die Bloggeraktion von Art und Stil berichtet - dabei sind mir bereits tolle Blogs begegnet, die ich bislang nicht auf dem Schirm hatte und habe viele Denkanstöße mitgenommen. Ich freue mich darauf, auch nach diesem zweiten Teil wieder stöbern zu gehen.

Auch dieses Mal hat Nico wieder vier Fragen vorbereitet, die kurz gefasst die Ursprünge des eigenen Stils nachzuvollziehen versuchen.
Welchen kulturellen Hintergrund hast du, und wie beeinflusst er deinen Kleidungsstil?
Aufgewachsen bin ich in der Nähe Stuttgarts in einer Kleinfamilie, in der das Geld eher knapp war. Nicht so, dass ich akuten Mangel im Alltag wahrgenommen hätte, aber schon so, dass wir in den Sommerferien nicht weggeflogen sind - und so, dass ich die ersten zwölf Jahre meines Lebens hauptsächlich Second Hand-Kleidung getragen habe. Dadurch habe ich mir zwangsweise ein recht dickes Fell zugelegt, was fremde Meinungen über meine Kleidung betrifft (ja, sie war selbstverständlich hoffnungslos untrendy!). Das kommt mir bis heute zugute, wenn ich wieder einmal skeptische Blicke auf mich ziehe.
Zum anderen habe ich mir (trotz einiger wirklich, wirklich scheußlicher Stücke) eine große Freude dafür bewahrt, in Second Hand-Läden nach den größten Schätzen zu suchen - mittlerweile am liebsten in Schweden, worüber ich hier geschrieben habe. Ich denke, den Grundstein für die Überzeugung, dass ein Kleidungsstück nicht nach einer Saison weggeworfen werden sollte und die Ressourcen, die dafür zum Einsatz kamen, zu wertvoll für die Tonne sind, stammen aus dieser Zeit.


Der andere prägende Hintergrund war (und ist) subkultureller Art: seit ich aktiv Musik höre, ist diese stetig düsterer und krachiger geworden, die besuchten Clubs, Konzerte und Festivals sind dementsprechend und das beeinflusst natürlich auch meinen Kleiderschrank. Beispielsweise erschien es mir nach verschiedenen Festivalbesuchen 2015 kaum mehr möglich, ohne eine eigene Kutte weiterzuexistieren und plane nun schon die zweite.

Hast du von deinen Eltern etwas über Kleider, Anziehen oder Stil gelernt? Woran erinnerst du dich konkret? Haben sie dir diese Dinge beigebracht oder hast du sie dir abgeschaut?



Meine Eltern haben mir vorgelebt und auch aktiv vermittelt, dass es nicht wichtig ist, dass man neue oder teure Kleidung trägt, aber dass sie sauber und dem Anlass angemessen sein muss. So finde ich bis heute Jeans mit Riss am Knie einfach nicht bürotauglich, obwohl es mir an sich sehr gut gefällt und in meiner Garderobe nicht grundverkehrt wäre.
Besonders meine Mutter hat mir vermittelt, dass es wichtiger ist, sich in einem Kleidungsstück wohlzufühlen, als sich mit der Frage zu beschäftigen, ob das den momentanen Trends gerecht wird. Wenn ich mir anschaue, wie viele Kleidungsstücke in meinem Schrank bereits  zehn Jahre auf dem Buckel haben, hat auch das wohl auf mich abgefärbt.
Dazu passend auch der dritte Aspekt: das Selbermachen. Das bezieht sich sowohl auf die komplette Neuschöpfung (meine Mutter strickt gerne), als auch auf die Verwertung von altem: Was kleinere Makel aufweist, wird repariert. Und was wirklich kaputt ist, wird ausgeschlachtet - Knöpfe und Reißverschlüsse kann man sicherlich anderswo wieder zum Einsatz bringen.

Zeig uns ein Foto von deiner Mutter aus der Zeit, bevor sie Kinder hatte, und beschreibe, was du siehst.


Ich habe leider keinen Zugriff auf Fotos meiner Mutter in ihren frühen Zwanzigern und weiß auch nicht, ob sie hier bildlich erscheinen wollen würde. Aber wenn ich mir Fotos aus der Zeit anschaue, sehe ich eine junge Frau, die durchaus Freude an Kleidung hatte und dabei ein ziemlich klares Farbspektrum mit viel blau, weiß und weinrot verfolgte.

Kannst Du etwas dazu sagen, inwiefern deine Figur und Dein Stil mit deiner Mutter zu tun haben, oder auch nicht?
Dass uns regelmäßig Leute sagen, wir seien uns so ähnlich, liegt eher daran, dass wir angeblich dasselbe Lachen haben und auch sonst in Mimik und Gestik große Übereinstimmungen an den Tag legen als an stilistischen Übereinstimmungen. Dafür ist unser Geschmack einfach zu unterschiedlich: Meine Mutter trägt gerne farbige Kleidung in eher zurückhaltend-natürliche Töne und liebt blau. Ich wiederum dulde blau nur als Haarfarbe an mir und bevorzuge ansonsten ein fröhliches Schwarz mit dem ich direkt aus dem Büro zu einem Death Metal-Konzert gehen kann, ohne dort über Gebühr aufzufallen. Die Unterschiede ziehen sich bei den bevorzugten Kleidungsschnitten, bei der Schuhwahl und diversen anderen Aspekten weiter so durch.

Obwohl wir uns so unterschiedlich kleiden, bin ich dennoch überzeugt, dass mein Stil mit meiner Mutter zu tun hat. Obwohl sie beispielsweise findet, dass ich in Herbstlaubfarben mit braunen Haaren viel gesünder und freundlicher aussehe, hat sie mir stets vermittelt, dass es für sie vollkommen in Ordnung ist, mit einem jugendlichen Metalhead in der Testphase durch die Stadt zu laufen oder selbigem bei der Auswahl okkulten Schmucks zu assistieren. Gerade in Findungsphasen tut so viel Unterstützung einfach gut.

Mit diesem Post habe ich unter Umständen mehr über mein Verhältnis zu meiner Mutter geschrieben als über Kleidung - ich bin gespannt, worauf die Fragen beim nächsten Mal abzielen werden. Wer so neugierig ist, wie ich, kann ja am Montag bei Nico Ausschau danach halten - und in der Zwischenzeit selbst die oberen vier Fragen beantworten.

In her second post about style, Nico asked about how our cultural and familial background influenced our style. In short: a lot. As my parents didn't have a lot of money, it was impossible to buy new clothes for four people all the time. So we wore a lot of hand-me-downs and learnt that it's possible to mend stuff instead of throwing it away. To the very day I love thrift shopping - and  you can tell from this blog that I'm still very much into DIY. The other part of massive influence was subcultural as I dearly loved various subgenres of metal music since I was a teenager - and felt like I could not live any longer without my own battlevest after visiting too many concerts and festivals in 2015.

Kommentare:

  1. Liebe Sabrina, was für ein schöner, persönlicher Text! Deine Eltern scheinen Dich total geerdet zu haben, so dass Du tatsächlich die werden konntest, die Du bist, nicht nur, aber auch stilistisch. Wie toll! Davon könnten sich viele Eltern eine dicke Scheibe abschneiden! Lieben Grüße, Karin

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    1. Ja, das haben sie wohl. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!

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