Mittwoch, 26. April 2017

Ohrenfutter #1: Politische Podcasts

Frau Jule hat sich hier und hier gewünscht, dass wir ein bisschen etwas zu den politischen Dimensionen unserer aktuellen Werkelprojekten erzählen, damit dem Eindruck entgegen gewirkt wird, dass Handarbeiten per se unpolitisch seien. Hier habe ich über Aspekte der Nachhaltigkeit meines aktuellen Stick- und Patchwork-Projekts geschrieben - heute möchte ich herausstellen, was an politischen Podcasts läuft, während ich werkle. "Politisch" definiere ich dabei sehr frei als "gesellschaftlich relevante Inhalte beinhaltend", im Gegensatz zu rein persönlichen oder fiktionalen Inhalten.
 
Lila Podcast 
Dieser Podcast ist euch schon dann und wann bei meinen Samstagstees und den 7 Sachen begegnet, vielleicht habt ihr also auch schon mal reingehört. Die drei Journalistinnen Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl sprechen darin aus feministischer Perspektive "über aktuelle Themen, Debatten und interessante Gedanken", wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Das kann die aktuelle deutsche und internationale Politik sein, Schönheitsideale, Frauen im Berufsleben, Fragen zum Leben mit Kindern - und dazwischen immer wieder die Frage nach Geschlechterrollen. Ihr seht schon, thematisch ist das sehr weit. Und genau darin liegt für mich der Reiz dieses Podcasts, weil man so mit ganz unterschiedlichen Themen in Kontakt kommt. Außerdem mag ich auch den persönlichen Zugang zu den Themen, der durch die subjektiven Erfahrungen der drei Frauen hinein kommt. Meine eigenen Erfahrungen führen dann und wann dazu, dass ich den dreien nicht zustimme oder dass ich noch einen Aspekt im Kopf habe, der mir in der Episode zu kurz kommt. Aber das halte ich zum einen für normal - und zum anderen habe ich auch nicht den Eindruck, dass die drei sich selbst für unfehlbar halten und ihre Antworten für die alleinseligmachenden halten. Meist stimme ich ihnen allerdings durchaus zu - und in den anderen Fällen nehme ich zumindest neue Denkanstöße mit. 
Gelernt habe ich dank dieses Podcasts beispielsweise, dass Alice Schwarzers Porno-Definition sich vollkommen von der Definition unterscheidet, die in der Alltagswelt heute so vorherrscht - und dass eine Diskussion da reichlich unfruchtbar verläuft, wenn man sich diesen Unterschied nicht klarmacht.
Außerdem stoße ich durch diesen Podcasts auch öfter auf spannende Bücher o. ä., die ich gerne einmal lesen würde. 
Mittlerweile gibt es über 70 Episoden, die üblicherweise etwa eine Stunde dauern - wer sich komplett durchhören möchte, müsste also recht viel Zeit mitbringen. In den zwei Wochen, die zwischen den Episoden verstehen, lohnt es sich aber trotz oft aktueller Themen, ein bisschen im Archiv zu kramen.

What's in your pants?
Toby und Jörn sind langjährige Freunde. Toby ist Mitte 30 und Transmann, der noch ganz am Anfang der Transition steht - Jörn und die Zuhörer*innen sind nahezu von Anfang an mit dabei. Im Podcast berichtet Toby von Besuchen bei Ärzten und Selbsthilfegruppen,  Outingverläufen, und Hilfsmitteln, die die Erkennbarkeit als Mann steigern (sollen). Dabei machen die beiden sehr, sehr viele flache Peniswitze und lachen sich kaputt wie Fünfzehnjährige. Nur um fünf Minuten später aktuelle politische Entwicklungen zu besprechen. (wie beispielsweise die amerikanische Bathroom-Bill, Folge 4 oder die Sperrung diverser YouTube-Kanäle im LGBT-Bereich, Folge 9) - oder so andauernde Themen wie starre Geschlechterkonzepte (Folge 6). Auch persönlich sind die Zuhörer*innen ganz nah dran, wenn Toby einen neuen Binder anprobiert (ein Hilfsmittel, das Brüste plattquetscht, Folge 7) oder seine Zweifel am sofortigen Start der Hormontherapie eingesteht. Ängste und Verwirrungszustände werden sehr, sehr offen thematisiert und von den beiden erkundet. Jörn ist dabei einfühlsamer Zuhörer und Nachhaker. Ganz im Ernst? So einen Freund möchte man an seiner Seite haben, wenn es im Leben drunter und drüber geht - egal, auf welche Weise. Und Tobys Lache liebe ich auch sehr.
Bisher sind neun Folgen veröffentlicht worden, die meist etwas über eine Stunde dauern - ihr könnt also bei 0 anfangen!

kleinercast
Ein weiterer feministischer Podcast, den ich sehr, sehr gerne höre und der euch hier im Blog schon das eine oder andere Mal begegnet ist. Auch hier werden vielfältige Themen besprochen, recht häufig sind Filme das Thema, aber auch die US-Wahl und der weltweite Rechtsruck waren bereits Thema.
Ich mag besonders die Folgen, in denen Interview-Gäste auftreten - beispielsweise die türkische Feministin İdil Elveriş (Folge 15) oder die Sexualpädagogin Katja Grach aus Österreich (Folge 16). Auch hier lohnt es sich, sich im Archiv umzuschauen. Bei aktuell 16 Folgen hat man schnell diejenigen gehört, die einen besonders interessieren.


Spiegel Online beschäftigt sich in diesem Podcast seit März einmal pro Woche mit dem Wahljahr 2017. Entdeckt habe ich ihn erst Mitte April und weil es noch nicht so wahnsinnig viele Folgen sind und diese nur kurz sind (zwischen 15 und 30 Minuten), habe ich ihn in einem Rutsch durchgehört. Die einzelnen Folgen setzen sich mit unterschiedlichen Aspekten auseinander und haben zu diesem Zweck unterschiedliche Interview-Partner. In der ersten Episode spricht Sandra Sperber mit Menschen, die von der aktuellen (Bundes-)Politik insbesondere seit der sogenannten Flüchtlingskrise unzufrieden sind. Einige Statements hatte ich tatsächlich nicht erwartet - etwa die eines Unternehmers, der kritisierte, dass eine gewisse Partei nur Klientelpolitik für Reiche mache. (Check your Vorurteile!) Auch der Schulz-Effekt, der Einfluss sozialer Netzwerke auf Wahlen und ein Vergleich Merkels bisheriger Wahlkämpfe wurden bisher besprochen. Ich bin gespannt, was da noch kommt. 

Zur Lage der Medien
Der Podcast von Übermedien, Medienkritiker. Vieles ist ja exklusiv für Abbonenten, aber der Podcast ist auch ohne Abbonnement hörbar. Darin diskutieren Sascha Lobo und Stefan Niggemeier über verschiedene medienspezische Themen, meist geht es um Kommunikation im Internet. Die vierte und bislang letzte Episode über Politische Korrektheit fand ich besonders hörenswert. Leider ist die schon fünf Monate alt, ich weiß also nicht, ob da noch was folgt, aber auch die noch älterend Folgen haben meiner Meinung nach immer noch Relevanz.



Seamwork Radio
Kein politischer Podcast in dem Sinne, aber die 13. Episode des Seamwork Radios zeigt, dass auch explizite Nähpodcasts politischen Themen aufgreifen können. Darin erzählt eine Bloggerin von der Transidentität ihrer Partnerin und der Zeit der Transition. Ehrlich gesagt habe ich die anderen Episoden (noch) nicht gehört und kann daher nicht sagen, inwieweit politische Themen darin nochmal eine Rolle spielt. Falls eine*r von euch da mehr gehört hat, mag er*sie vielleicht etwas dazu sagen?
 
Ihr merkt schon, ich höre auch Nähspezifisches. Und außerdem auch fiktionale Podcasts. Und Fandom-Zeug. Um euch nicht komplett zu erschlagen, erzähle ich euch davon aber lieber ein anderes Mal. Weil ich mich aber über jede dieser Entdeckungen so freue, darf dieser Teil der Sammlung schon mal zu Frollein Pfau.

Kommentare:

  1. cool! danke! auf den lila podcast bin ich ja schon vor monaten bei dir gestoßen. die transpodcasts werde ich mir bei gelegenhait dann auch mal zu gemüte führen.
    liebe grüße,
    jule*

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    1. Ich bin gespannt, wie sie dir gefallen. :)
      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  2. Vielen Dank für diese Podcast-Tipps - zufällig bin ich gerade auf der Suche nach welchen gewesen! ;)
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. Das traf sich ja dann perfekt! :D
      Ich werde bei Gelegenheit ja dann noch mehr davon vorstellen, vielleicht gefällt dir ja von den weiteren auch etwas.

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  3. Vielen Dank, vor allem für den Hinweis auf Seamworks, da bin ich gespannt (Textilpodcasts gibt es ja auch nicht so viele).
    Ich höre auch gern die Podcasts vom Deutschlandradio in der ard-mediathek, z.B. "Die Reportage - Deutschlandfunk Kultur", politische Info mit viel Tiefgang.

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    1. Herzlichen Dank - auch für den Podcast-Link! Da klingt der Titel schon sehr vielversprechend.
      Liebe Grüße,
      Sabrina

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